ELECTRIC CALLBOY · TANZNEID WORLD Tour · 2025
Es ist makellos. Wirklich. Die Präzision, mit der die Lichteffekte den Nebel durchdringen, die Synchronisation der LED-Flächen und Wände, die perfekt getimten Stroboskopsequenzen: Aus technischer Sicht ist das Lichtdesign der Electric Callboy Arena Tour ein Meisterwerk. Und genau darin liegt seine völlige Irrelevanz.
Man könnte diese Show auch einer Grindcore-Band, einem EDM-DJ-Auftritt oder einer Firmenveranstaltung für Automobilzulieferer zuordnen. Der Unterschied? Wahrscheinlich nur die wenigen anderen Farbpaletten bei der Vorprogrammierung. Was wir hier sehen, ist kein Mangel an Kompetenz, ganz im Gegenteil. Es ist die Perfektion der Austauschbarkeit, die künstlerische Inszenierung des Nichts.
Besonders lobenswert: Einige der Lichtblöcke des Bühnenbilds scheinen aus anderen Produktionen zu stammen. Recycling in der Welt der Tourneen! Endlich denkt jemand an den ökologischen Fußabdruck. Was früher die Bühne einer Rock’n’Roll-Band ausmachte, umrahmt nun eine Fusion aus Metalcore, Comedy und Techno. Gleiches Material, anderes Genre: Das ist Kreislaufwirtschaft in Aktion.
Aber es veranschaulicht auch perfekt, was in der Lichtgestaltung zeitgenössischer Konzerte zur Norm geworden ist: eine völlige Beliebigkeit. Wenn dieselben Lichtblöcke auch für andere Bands funktionieren, dann nicht, weil sie vielseitig einsetzbar sind, sondern weil sie bedeutungslos sind. Sie sind das Äquivalent zu IKEA-Regalen in der Bühnenbildgestaltung: Sie passen überall hin, haben aber nirgendwo eine Bedeutung. Aus Sicht der Nachhaltigkeit: vernünftig. Aus Sicht der künstlerischen Integrität: eine Kapitulation vor Aluminiumkonstruktionen.
Besondere Erwähnung verdienen die monumentalen Kreuze, die das zentrale Element des Bühnenbildes bilden. Ausgestattet mit LED-Videoleinwänden, Lichtquellen und Nebelmaschinen sind sie motorisiert und beweglich, Was technisch zweifellos beeindruckend ist.
Hier zeigt sich exemplarisch ein Trend, der die zeitgenössische Bühnengestaltung dominiert: die panische Überladung von Objekten mit Funktionen. Was die Designtheorie seit Jahrzehnten predigt – Klarheit der Form, Lesbarkeit der Funktion, Reduktion auf das Wesentliche – wird hier fröhlich ignoriert. Stattdessen wird jedes verfügbare Element zum multifunktionalen Schweizer Taschenmesser aufgerüstet. Das Kreuz ist nicht einfach Kreuz, es muss auch Leinwand sein, Lichtquelle, Nebelwerfer, kinetisches Objekt. Wo Klarheit hätte bewahrt werden sollen, entsteht eine wilde, unübersichtliche Gemengelage. Das Ergebnis: Ein Objekt ohne eindeutige visuelle Hierarchie, das alles gleichzeitig sein will und dadurch nichts wirklich ist. Funktionsmaximierung als Selbstzweck – der Designalptraum des 21. Jahrhunderts in Bühnenbauform.
Wenn sie jedoch dann während der Vorstellung ihre Position ändern und sich zu bestimmten Konfigurationen zusammenfügen, entsteht ein visueller Effekt, den man als Missverständnis bezeichnen könnte. Man möchte dem Designer sagen: „Vielleicht hätte man die Geometrie überdenken sollen?“ Aber wahrscheinlich saß jemand vor der 3D-Visualisierung und dachte: „Mensch, das sieht ja gut aus, die Winkel stimmen!“ Ja, die Winkel stimmen. Aber in einem Sinne, den man normalerweise vermeidet.
Bei der Pressekonferenz würde man wahrscheinlich von „unglückliche Symbolschnittmengen bei komplexen Raumkörperkonstellationen“ sprechen. Auf Instagram ist das ein Foto, das man nicht macht. Und in einem geschichtsbewussten Deutschland ist es die Art von Designentscheidung, die uns fragen lässt, ob die Previsualisierungs-Software eine Warnung hätte ausgeben sollen.
Was die Beleuchtung der Künstler angeht, bleibt das Design seiner Linie treu: Warum bestimmte Musiker hervorheben, wenn man sie alle in einem gleichmäßigen diffusen Licht untergehen lassen kann? Gegenlicht? Überschätzt. Hauptlicht? Zu präzise. Gezielte Akzentuierung? Das würde bedeuten, Entscheidungen treffen zu müssen.
Stattdessen: ein perfektes Wischi Waschi. Alle Künstler schwimmen in einer einheitlich beleuchteten Soße aus durch Nebel katalysierten Washeffekten, in der sich niemand wirklich vom Hintergrund abhebt. Es ist eine demokratische Beleuchtung: Alle sind unsichtbar. Man könnte Kevin Ratajczak durch eine Pappfigur ersetzen, und solange diese mit dem richtigen Flimmerlicht beleuchtet würde, würde es niemand bemerken.
Diese systematische Verweigerung der räumlichen Tiefe durch Licht ist fast schon bewundernswert. Dreidimensionale Menschen auf einer Bühne? Wozu, wenn man sie auch in flache Silhouetten vor farbigen Flächen verwandeln kann. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Methode. Die künstlerische Unschärfe wird zum Programm, zur Ästhetik des Ungefähren. Wenn nichts umrissen ist, kann auch nichts falsch sein.
Die Beleuchtung selbst spielt mit sich selbst. Chase-Effekte laufen über Pixelmatrizen, Scheinwerfer führen ballistische Choreografien aus, als würden sie miteinander kommunizieren – nur dass niemand zuhört. Das sind Beer Pong Lichteffekte auf höchstem technischen Niveau: präzise, repetitiv und letztendlich völlig sinnlos. Der Ball landet immer im Becher, die Menge applaudiert und niemand fragt sich, warum.
Electric Callboy verbindet Metalcore und Techno, Komik und Pathos, Trash und Selbstironie. Die Band sprengt die Grenzen zwischen den Genres mit der Energie eines Hochgeschwindigkeitszugunglücks. Das Lichtdesign? Es nickt höflich und macht weiter, als wäre nichts gewesen. Blitz Strobe Repeat. Mal linksherum, mal rechtsherum, wie auf dem Jahrmarkt. Es ist das visuelle Äquivalent eines „Like & Subscribe”-Buttons: funktional, wiedererkennbar, austauschbar.
Darin liegt das eigentliche Paradox dieser Produktion: Wir befinden uns im Jahr 2025. Die Technologie schränkt niemanden mehr ein. Die Leistung der Prozessoren? Nahezu unbegrenzt. Motorisierte Moving Heads? Sie können alles. LED-Technologie? Ohne Grenzen. Steuerungssoftware? Ultrapräzise. Heute sind die einzigen Grenzen einer Arena-Produktion der Platz und das Budget und – Electric Callboy verfügt über beides. Die Arenen sind groß genug, das Geld ist da.
Warum ist das Ergebnis dann trotzdem nur ein mittelmäßiges Standardprodukt? Wegen der Vision. Oder genauer gesagt: wegen ihrer Abwesenheit. Alle Werkzeuge sind vorhanden, aber die Idee, was man damit machen könnte, fehlt völlig. Es ist, als hätte man jemandem eine voll ausgestattete Werkstatt geschenkt und er würde sie nutzen, um Vogelhäuschen zu bauen. Funktional, sicherlich, aber erschreckend einfallslos.
Man vergleiche das mit Produktionen, bei denen das Visuelle eine eigenständige künstlerische Stimme hat, bei denen das Lichtdesign keine funktionale Dekoration ist, sondern ein integraler Bestandteil der Show. Bei Electric Callboy ist das Licht nur eine einfache Kulisse. Es befindet sich hinter der Band. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Es hat keine eigene Sprache, keinen Dialog mit der Musik, keine Position. Es ist wie ein Hüpf-DJ unter den Lichtdesigns: Es tut so, als würde er etwas machen, während im Hintergrund eine gigantische technische Maschinerie läuft, die auch ohne ihn funktionieren würde.
Gerade weil es bedeutungslos ist, gibt das Lichtdesign dem Konzert einen Rahmen ohne Absicht. Es behauptet nichts, kommentiert nichts, widerspricht nichts. Es ist die leuchtende Manifestation der Gleichgültigkeit. Und in einer Zeit, in der alle künstlerischen Leiter verzweifelt versuchen, „Geschichten” und „immersive Erlebnisse” zu schaffen, ist diese radikale Weigerung, Bedeutung zu verleihen, fast schon subversiv.
Das bedeutungslose Licht erhält seine ganze Bedeutung durch seine Bedeutungslosigkeit. Es ist der visuelle Hintergrund einer Generation, die ohnehin TikTok-Feeds scrollt, während sie physisch anwesend ist. Das Lichtdesign weiß das: Niemand schaut es sich wirklich an. Es gibt also nichts zu sehen. Außer vielleicht diese unheilvollen Kreuzkonstruktionen. Aber auch die schaut sich niemand wirklich an, man filmt sie mit dem Handy und postet sie gedankenlos. Inhalt ist Inhalt.
Willkür hat den unschätzbaren Vorteil, dass sie niemals scheitert. Sie enttäuscht nicht, weil sie nichts verspricht.
Electric Callboy bricht mit musikalischen Konventionen. Das Lichtdesign klebt sie mit Klebeband aus dem Baumarkt wieder zusammen. Wo die Band Metal-Riffs mit Eurodance-Refrains kombiniert, hätte die Beleuchtung Dissonanzen, Brüche und visuelle Widersprüche erzeugen können. Stattdessen: glatte Übergänge, vorhersehbare dynamische Bögen, LED-Wände, die zeigen, was ohnehin schon offensichtlich ist.
Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen funktionalem Lichtdesign und konzeptionellem Showdesign. Ersteres beleuchtet. Letzteres kreiert. Bei Electric Callboy findet man nur Ersteres. Offensichtlich hat man sich nicht die Frage gestellt: „Was bedeutet diese Musik visuell?“, sondern nur: „Wie kann man das gut beleuchten?“ Das Ergebnis ist technisch einwandfrei und künstlerisch bedeutungslos. Um die Verschmelzung der Genres visuell zu unterstützen, bräuchte es nicht mehr Technik, sondern eine Haltung. Aber eine Haltung ist riskant. Sie polarisiert. Sie kann scheitern. Man hat sich lieber für den sicheren Weg entschieden: austauschbare Perfektion.
Wenn die letzte Konfettikanone abgefeuert ist, die motorisierten Movinglights in ihre Defaultposition zurückkehren und die Kreuze ihre endgültige Position eingenommen haben, hoffentlich eindeutig, bleibt die Frage: Handelt es sich um Kritik oder bereits um Kapitulation? Vielleicht sind diese beiden Aspekte längst bedeutungslos geworden. In einer Branche, in der Lichtdesigner nicht mehr für Bands arbeiten, sondern für Produktionsbudgets und Instagram-Algorithmen, ist konzeptionelle Bedeutungslosigkeit vielleicht die ehrlichste Antwort.
Die Kraft des Visuellen wird nicht mehr verstanden, weil sie keine Rolle mehr spielt. Hauptsache, es sieht auf den mit dem Handy aufgenommenen Videos spektakulär aus. Electric Callboy verdient eine bessere Beleuchtung. Oder eine schlechtere. Aber nicht diese: die perfekte, präzise, professionelle Nichtigkeit mit recycelten Bühnenelementen, konturloser Künstlerbeleuchtung, Kreuzen von zweifelhafter Geometrie und der resignierten Gewissheit, dass Technik allein niemals eine Vision ersetzen konnte.
Letztendlich nähert sich dieses Lichtdesign asymptotisch dem Nullpunkt des künstlerischen Ausdrucks, immer näher, ohne ihn jemals ganz zu erreichen. Die Band mag zwar verkünden „We Got The Moves”, visuell bewegt sich hier – „nichts mehr !“
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