Rauchzeichen der Ignoranz
Warum die Veranstaltungsbranche den Nichtraucherschutz nicht länger ignorieren darf
Der Widerstand des BDKV
Der Widerstand des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) gegen die Novellierung des Landesnichtraucherschutzgesetzes in Baden-Württemberg1 ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Die Behauptung, die geplanten Änderungen stellten eine willkürliche Benachteiligung des Kulturbereichs dar, verkennt die besondere Verantwortung von Veranstaltern, ihre Besucher und Besucherinnen vor den Gefahren des Passivrauchens zu schützen. Anders als in der allgemeinen Öffentlichkeit stehen Menschen bei Veranstaltungen oft dicht gedrängt über längere Zeiträume zusammen, was die Belastung durch Passivrauchen deutlich erhöht. Der Vergleich mit frei zugänglichen Außenbereichen greift daher nicht.
Wirtschaftliche Einwände
Die vom BDKV befürchteten wirtschaftlichen Nachteile durch strengere Regelungen sind ebenfalls nicht überzeugend. Studien belegen, dass Rauchverbote langfristig keine negativen finanziellen Auswirkungen haben2. Im Gegenteil: Rauchfreie Veranstaltungsorte ziehen ein breiteres Publikum an und schaffen ein angenehmeres Umfeld, in dem sich Nichtraucher, Nichtraucherinnen, Familien und gesundheitsbewusste Menschen wohler fühlen3. Diese positive Wahrnehmung stärkt die Bindung an Veranstaltungsorte und kann sogar die Einnahmen steigern. Der Fokus des BDKV auf mögliche kurzfristige Einbußen ist daher nicht nur übertrieben, sondern auch kurzsichtig4.
Ein oft übersehener Aspekt ist das Potenzial, das Nichtraucherveranstaltungen für eine breitere Zielgruppe haben. Während der BDKV argumentiert, dass solche Regelungen einen Teil des Publikums ausschließen könnten, zeigt die Realität ein anderes Bild. Nichtraucherveranstaltungen sprechen gezielt gesundheitsbewusste Menschen, Familien und junge Erwachsene an, die sich in rauchfreien Umgebungen wohler fühlen. Diese Zielgruppe wird zunehmend größer, da gesellschaftliche Trends immer mehr auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausgerichtet sind.
Statt Exklusion zu fördern, schaffen Nichtraucherveranstaltungen Inklusion für jene, die bisher von raucherfreundlichen Settings ausgeschlossen wurden.
Individuelle Verantwortung
Ein weiteres Argument des BDKV, dass Raucher und Raucherinnen durch Nichtraucherregelungen Teile der Veranstaltung verpassen könnten, ist nicht stichhaltig. Die Entscheidung, während eines Konzerts oder Events der eigenen Nikotinsucht nachzugehen, liegt in der Verantwortung der einzelnen Person. Es ist weder die Aufgabe der Veranstaltungsbranche noch der Gesellschaft, eine Sucht zu ermöglichen oder ihre Konsequenzen abzumildern. Stattdessen liegt die Lösung darin, Veranstaltungsorte so zu gestalten, dass sie gesundheitlich förderlich sind und positive Verhaltensänderungen unterstützen. Wer ein Event unterbricht, um zu rauchen, entscheidet sich bewusst gegen das Erlebnis – dies ist eine individuelle Wahl, kein Versäumnis der Veranstaltung.
Kosten & Umwelt
Der BDKV führt an, dass die Kontrolle der Nichtraucherregelungen auf Veranstaltungen einen erheblichen Aufwand und zusätzliche Kosten verursache. Diese Argumentation erscheint jedoch kurzsichtig, da die Kosten und der organisatorische Aufwand zur Entsorgung von Zigarettenkippen und den immer beliebter werdenden alternativen Rauchprodukten wie Vapes oder Einweg-E-Zigaretten mindestens ebenso hoch, wenn nicht höher sind5. Besonders bei Open-Air-Konzerten, die oft in der Natur, in Schutzgebieten oder ausgewiesenen Landschaftsschutzgebieten stattfinden, stellen Zigarettenfilter eine erhebliche Umweltbelastung dar6. Diese bestehen aus Kunststoffen, die nur schwer abbaubar sind, und können toxische Substanzen in den Boden und das Grundwasser abgeben. Doch auch in urbanen Settings ist die Umweltverschmutzung durch Zigarettenkippen und Vapes eine ernstzunehmende Herausforderung, die nicht ignoriert werden darf.
Medizinische Dringlichkeit
Die medizinischen Argumente unterstreichen die Dringlichkeit, den Nichtraucherschutz zu verschärfen. Tabakabhängigkeit ist eine chronische Krankheit mit weitreichenden Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft7. Kardiovaskuläre Erkrankungen, COPD und verschiedene Krebsarten sind nur einige der schwerwiegenden Folgen des Tabakkonsums8. Besonders alarmierend ist, dass junge Menschen, die vor dem Alter von einundzwanzig Jahren mit Tabakwaren in Kontakt kommen, ein signifikant höheres Risiko haben, eine lebenslange Abhängigkeit zu entwickeln. Experten weisen darauf hin, dass es leichter sei, von einer Heroinsucht loszukommen als von der Tabakabhängigkeit9. Hinzu kommt, dass Passivrauchen erhebliche gesundheitliche Schäden verursacht10. Diese Erfolge zeigen, wie wirksam Nichtraucherschutzmaßnahmen sind.
Die wirtschaftlichen Kosten des Rauchens belaufen sich allein in Deutschland auf knapp hundert Milliarden Euro pro Jahr11. Diese Summe umfasst direkte medizinische Ausgaben sowie Produktivitätsverluste durch krankheitsbedingte Arbeitsausfälle und vorzeitigen Tod. Es ist schwer vorstellbar, wie der BDKV diese Zahlen ignorieren kann, während er behauptet, Rauchverbote seien wirtschaftlich schädlich.
Verantwortung übernehmen
Die Argumentation des BDKV offenbart eine grundlegende Missachtung der gesellschaftlichen Verantwortung, die Fachverbände tragen sollten. Partnerverbände, die sich unkritisch mit dieser Position solidarisieren, müssen sich fragen lassen, ob sie ihrer Verantwortung gerecht werden. Eine ernsthafte interne Diskussion darüber, ob solche Haltungen tatsächlich die Interessen aller Mitglieder und der Gesellschaft widerspiegeln, ist dringend notwendig.
Rauchfreie Veranstaltungen sind keine Belastung, sondern eine Chance. Sie bieten der Veranstaltungsbranche die Möglichkeit, sich als gesundheitsbewusst und nachhaltig zu positionieren, und schaffen eine Umgebung, die für alle Gäste sicher und angenehm ist. Die Branche sollte diesen Weg aktiv unterstützen, anstatt ihn zu blockieren.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass Fachverbände wie der BDKV sich fragen, ob der Schutz von Zigarettenrauch wirklich die Priorität einer zukunftsorientierten Veranstaltungsbranche sein sollte – oder ob es nicht doch sinnvoller wäre, den Atem für die wirklich wichtigen Themen zu sparen. Die Verschärfung der Nichtrauchergesetze wird kommen – das ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Sich jetzt dagegen zu stemmen, mag den Prozess verzögern, doch es bleibt eine kurzfristige Lösung ohne echte Perspektive. Und wenn man bedenkt, dass jährlich 120.000 Menschen in Deutschland an den Folgen der Tabaksucht versterben, verliert die Veranstaltungsbranche mit jedem Jahr eine erhebliche Anzahl potenzieller Konzert- und Eventbesucher und -besucherinnen. Vielleicht lohnt es sich, das Thema aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – bevor die Luft wirklich dünn wird.
- Sozialministerium Baden-Württemberg, Entwurf zur Novellierung des Landesnichtraucherschutzgesetzes
- Internationale Evidenz zu wirtschaftlichen Effekten von Rauchverboten auf die Gastronomie (www.dkfz.de)
- Rauchfreie Gaststätten in Deutschland 2011: Drei Viertel der Bevölkerung für den Nichtraucherschutz
- Effertz, T., „Die Kosten des Rauchens in Deutschland", Atemwegs- und Lungenkrankheiten, 2019
- VKU-Studie, Einwegplastik und Zigarettenkippen in der Umwelt
- Zigarettenkippen – Gift für die Umwelt (www.dkfz.de)
- Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), „Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040"
- WHO Fact Sheet on Tobacco, Mai 2022
- AMBOSS Podcast, „Tabakabhängigkeit: Richtig ansprechen, Leben retten"
- Studie zur Reduktion der Passivraucherkrankungen (DEBRA), 2022
- Rauchen: Folgeerkrankungen kosten jährlich fast 100 Mrd. Euro, JournalMed, 2023
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