Verleihung der Lumen-Lotterie
Wie viel Technik braucht die große Fernsehillusion?
Von JoJo Tillmann · Oktober 2026
Es gab nur einen Preis. Ein Buch.
Am 7. Oktober 2026 wechselte auf der leatcon in Hamburg ein signiertes Buch den Besitz, und mit ihm stand für einen Moment eine ganze Bilderwelt zur Debatte. Die Preisverleihung der ZNL-Lumen-Lotterie war ein kleiner Festakt. Die Frage dahinter ist größer, und sie gehört nicht der Veranstaltungstechnik allein: Wie viel materiellen Aufwand halten wir inzwischen für selbstverständlich, wenn wir einen großen Fernsehabend sehen?
Gesucht war eine einzige Zahl, der gesamte Lichtstrom der Beleuchtungsanlage des Eurovision Song Contest 2026 in Wien. Geschätzt wurde vorab, ohne Gerätelisten und ohne technische Unterlagen. Gefragt waren Erfahrung, Vorstellungskraft und ein Gespür für Größenordnungen. Die meisten Tipps verfehlten diese Größenordnung deutlich. Das sagen wir ohne Häme, denn die Aufgabe war gemein.
Mareike Eid von watershow.de tippte auf 68 Millionen Lumen. Nach unserer späteren Berechnung auf Grundlage der bekannt gewordenen Gerätelisten waren rund 67,8 Millionen installiert. Das ist eine Abweichung von etwa 0,3 Prozent. Wer das für Zufall hält, darf das gern tun. Wir gratulieren trotzdem, und zwar von Herzen.
Der Preis war ein Buch aus Ralph Larmanns Stage-Design-Reihe. Larmann, der gerade mit „Faszination Licht“ ein neues Buch veröffentlicht hat, kam persönlich nach Hamburg und überreichte das Exemplar mit seiner Signatur. Ein Buch über gestaltete Bühnenwelten als Preis für die genaueste Ahnung von deren Aufwand: Passender hätten wir es nicht planen können.
Warum wir raten ließen
Die Lumen-Lotterie war von Anfang an mehr als ein Ratespiel. Sie sollte etwas sichtbar machen, das im fertigen Bild verschwindet. Wir sehen Gesichter, Farben, Strahlen und Räume, die sich öffnen und schließen. Wir sehen nicht die Geräte, Lasten, Kabel und Lastwagen, die diese Bilder möglich machen. Und offenbar können selbst Profis diesen Aufwand kaum noch abschätzen.
Das liegt nicht an mangelndem Können. Es liegt daran, dass diese Zahl nirgends steht. Berichte über große Shows nennen Gerätetypen, Stückzahlen und Namen. Sie nennen selten, welche elektrische Leistung, welches Gewicht und welche Transportmengen damit verbunden sind. Das ist keine Verschwörung, sondern eine Gewohnheit. Aber Gewohnheiten bestimmen, was wir für normal halten.
Die Position des ZentrumNeueLichtkultur ist deshalb einfach: Wer die Umweltwirkung einer Inszenierung beurteilen will, muss auch ihren Aufbau betrachten, nicht nur ihre Wirkung auf dem Bildschirm. Das ist kein Angriff auf die Kunst. Es ist eine Einladung, das Material als Teil der Gestaltung ernst zu nehmen.
Was die Zahl sagt und was nicht
Licht ist ein künstlerisches Ausdrucksmittel wie Klang, Raum oder Bewegung. Es kann einen Menschen aus der Menge herausheben, einen Raum öffnen oder ihn verschwinden lassen. Es schafft Nähe, Überwältigung, Künstlichkeit und Intimität. Beim ESC erzählt es jeden Auftritt mit. Die Frage nach seinem Aufwand berührt deshalb das Selbstverständnis der Gestaltung: Woran erkennen wir Qualität? Und woran messen wir Fortschritt?
Die 67,8 Millionen Lumen beantworten diese Fragen nicht, und das sollen sie auch nicht. Sie beschreiben, was alle eingebauten Lichtquellen nach Herstellerangabe zusammen maximal abgeben könnten, gemessen an der Lichtquelle selbst, bevor Optik, Farbfilter und Dimmung etwas davon wegnehmen. Das ist eine Kapazität, vergleichbar mit der Platzzahl eines Saals: Sie sagt, was möglich wäre, nicht, was an einem Abend tatsächlich genutzt wurde. Wie hell die Show im Fernsehen aussah oder wie gut ein Bild gelang, lässt sich daraus nicht ablesen. Was auf einem Gesicht ankommt, hängt von Bündelung, Entfernung und Farbe ab und wird in Lux gemessen, nicht in Lumen.
Trotzdem hat diese Kapazität Gewicht, und zwar im wörtlichen Sinn. Nach unserer Zählung umfasste das Wiener Rig rund 2.200 Geräte mit im Schnitt jeweils rund 30.000 Lumen. Jedes davon wurde hergestellt, transportiert, aufgehängt, verkabelt und mit Strom versorgt. Lumen sind kein Maß für den ökologischen Fußabdruck. Sie sind aber ein guter Anlass, nach der Dimension des ganzen Systems zu fragen.
Zwei Antworten auf eine Frage
Auf der leatcon war auch Tim Routledge, der das Licht des ESC 2026 gestaltet hat. Vor seinem Vortrag sprachen wir mit ihm über die Umweltzertifizierung des ESC und insbesondere über die Beleuchtung. Auf seinen Wunsch hin nannten wir ihm die Frage, die wir später öffentlich stellen wollten, schon vorab.
Im persönlichen Gespräch äußerte er sich nach unserer Wahrnehmung kritisch dazu, dass auch die Lichtanlage unter dem Green Label stand. In der öffentlichen Fragerunde setzte er einen anderen Schwerpunkt: auf die Lichtmenge, die die Kameras tatsächlich brauchen, also auf die Wirkung im Bild. Die installierte Gesamtkapazität und die Infrastruktur dahinter blieben im Hintergrund.
Das ist unsere subjektive Erinnerung an zwei Gesprächssituationen. Einen Mitschnitt gibt es nicht, deshalb zitieren wir nicht wörtlich. Herr Routledge wurde zu diesem Text nicht befragt, und wir leiten aus dem unterschiedlichen Akzent weder eine Absicht noch eine Haltung ab. Ein Gespräch unter vier Augen und eine Bühne mit Mikrofon folgen eigenen Regeln. Das weiß jeder, der beides kennt.
Aufschlussreich ist der Unterschied trotzdem, denn er führt in den Kern dieses Textes. Für die Kamera zählt, was am Motiv ankommt. Für die Ressourcenfrage zählt, was dafür bereitsteht. Eine Antwort über das Licht am Motiv kann gestalterisch richtig sein und die Frage nach dem Umfang der Anlage trotzdem offenlassen. Genau hier setzt der Begriff an, um den es uns geht: Suffizienz. Er fragt nicht, wie effizient ein Mittel ist, sondern welches Maß einer Aufgabe angemessen ist.
Was die Stromzahlen erzählen
Wir haben beim ORF nach der Stromversorgung gefragt und eine Antwort bekommen. Die technische Versorgung der Produktion in der Wiener Stadthalle war auf 3 Megavoltampere ausgelegt. Tatsächlich abgerufen wurden für die Showhalle rund 2 Megavoltampere, und zwar für alle systemrelevanten Verbraucher aller Gewerke, nicht nur für das Licht. Der Fernsehbereich außerhalb der Halle, der sogenannte TV-Compound, ist darin nicht enthalten.
Daneben steht unsere eigene Rechnung: Die Lichtgeräte haben zusammen einen Anschlusswert von rund 1,8 Megawatt, also die Summe dessen, was sie laut Herstellerangabe höchstens an Leistung aufnehmen. Die beiden Zahlen liegen nah beieinander, und genau deshalb ist Vorsicht geboten. Megawatt und Megavoltampere sind verschiedene elektrische Größen. Ein Anschlusswert ist eine theoretische Obergrenze, der abgerufene Wert gilt für die ganze Halle. Den Schluss, das Licht habe fast die gesamte Hallenleistung beansprucht, ziehen wir ausdrücklich nicht.
Vor allem sagt keine dieser Zahlen, wie viel Energie über Proben und Shows hinweg tatsächlich verbraucht wurde. Dafür bräuchte es gemessene Kilowattstunden. Uns sind solche Messwerte bisher nicht bekannt. Auch das gehört zum Befund.
Eine Großveranstaltung braucht Reserven. Sie muss funktionieren, auch wenn Lasten schwanken oder etwas ausfällt. Niemand plant eine Stromversorgung stur nach der Summe aller Maximalwerte, aber eben auch nicht nach dem gedimmten Moment, in dem das Bild entsteht. Kabel, Verteilungen und Tragwerke werden für die ganze Anlage bereitgestellt, auch wenn nicht jedes Gerät ständig mit voller Leistung läuft.
Immer heller, um wieder dunkler zu werden?
Die Lichtbranche liebt ihre Flaggschiffe. Jedes Jahr kommt ein neues Gerät, noch heller, oft größer, noch vielseitiger. Auf Messen versammeln sich die Menschen davor, und das zu Recht: Diese Geräte zeigen, was technisch möglich ist, und sie sind schön, wenn sie ihre Strahlen in den Dunst schicken.
Der ESC ist aber vor allem eine Fernsehproduktion. Das Publikum in der Halle ist wichtig, die große Mehrheit sieht die Show jedoch durch Kameras. Und vor der Kamera muss Licht oft zurückgenommen werden, damit Gesichter Zeichnung behalten, Kontraste stimmen und Hintergründe nicht ausbrennen. Daraus entsteht unsere zugespitzte Frage: Bauen wir immer hellere Systeme, um sie anschließend für die Kamera wieder herunterzuregeln?
Als Urteil über eine konkrete Anlage wäre dieser Satz zu einfach. Es gibt gute Gründe für Reserven. Satte Farben, etwa ein tiefes Blau, lassen nur einen Bruchteil des weißen Lichts übrig. Kamerasensoren sehen Farben anders als das menschliche Auge, nach dessen Empfindlichkeit Lumen bemessen werden. Große leuchtende LED-Wände verlangen Licht, das sich gegen sie behaupten kann. Und ein gemeinsames System muss den sehr unterschiedlichen Ideen von mehr als dreißig Delegationen Raum geben. Gedimmt heißt bei modernen LED-Geräten zudem nicht ineffizient: Weniger Licht bedeutet auch weniger Strom. In Wien kamen außerdem erstmals Cinema-Kamerasysteme zum Einsatz. Welchen Einfluss das auf den Lichtbedarf hatte, können wir von außen nicht beurteilen.
Als Ausgangspunkt einer gestalterischen Debatte trägt der Satz trotzdem. Denn eine Einschränkung bleibt: Dimmen spart Strom, aber kein Material. Das Gerät mit Netzteil, Lüftern, Kühlkörper, Optik und Gehäuse ist längst gebaut. Es wiegt, was es wiegt, ob es mit voller Leistung läuft oder mit einem Fünftel. In Wien schwebten Scheinwerfer an Winden über der Hauptbühne, ein Lift fuhr Licht- und Lasergeräte bis zu acht Meter in die Höhe, und mehrere Traversenringe überspannten den Zuschauerraum. Das ist großartig gedacht. Es ist aber auch sehr schwer.
Wie groß die Umweltwirkung war, lässt sich aus Lumen allein nicht berechnen; Lebensdauer, Wiederverwendung und Transportwege gehören dazu. Gerade deshalb genügt der Hinweis auf einen sparsamen Betrieb nicht. Zu fragen ist auch, ob kleinere oder gezielter ausgewählte Geräte dieselbe Bildwirkung leisten könnten. Für das Fernsehen zählen Farbwiedergabe, Flimmerfreiheit und feine Steuerbarkeit oft mehr als die letzten tausend Lumen. Studiogeräte dafür gibt es. Geräte, die für eine Fernsehshow dieser Größe gebaut sind und dabei bewusst auf Maximalleistung verzichten, sieht man auf Messen selten. Wir fragen die Hersteller mit Respekt: Liegt das am fehlenden Bedarf oder daran, dass ihn niemand formuliert?
Liverpool als Gegenfrage
Ein Vergleich führt zurück zu Herrn Routledge selbst. Seine Lichtgestaltung für den ESC 2023 in Liverpool halten wir für hervorragend. Nach unserer Rechnung kam sie mit rund 27,5 Millionen Lumen aus. In Malmö 2024 waren es rund 41,1 Millionen, in Basel 2025 rund 63,6 Millionen und in Wien 2026 rund 67,8 Millionen. Innerhalb von drei Jahren ist die installierte Kapazität damit auf ungefähr das Zweieinhalbfache gewachsen.
Das beweist nicht, dass man in Wien mühelos die Hälfte hätte weglassen können. Hallen, Bühnenbilder, LED-Flächen und Kamerasysteme unterscheiden sich. Und mehr installierte Lumen bedeuten nicht automatisch ein helleres Bild. Selbst wenn sich die gesamte Mehrleistung im Bild niederschlüge, was sie nicht tut, wäre das für die Kamera gut eine Blendenstufe. Der Vergleich stellt aber eine Gegenfrage an die Vorstellung, überzeugende Bilder verlangten zwangsläufig immer größere Anlagen. Wenn ein sehr gutes Bild mit sehr viel weniger Material möglich war, ist „mehr brauchen wir eben“ jedenfalls kein Naturgesetz.
Die eigentliche Frage lautet also: Was ist zwischen Liverpool und Wien gewachsen? Die gestalterische Aufgabe, die Zahl der Möglichkeiten oder die Erwartung an das Ereignis? Unser Sommeressay „Effizienz, Suffizienz und die Expansion des Notwendigen“ geht dieser Verschiebung nach. Ihr Kern passt in einen Satz: Eine einmal erreichte technische Dimension wird leicht zum stillen Ausgangspunkt der nächsten Produktion.
Wer bestimmt das notwendige Maß?
Wer in Theater, Oper, Tanz oder auf Festivals arbeitet, kennt das: Was auf einer Bühne steht, ist selten die Entscheidung eines einzelnen Menschen. Auch Gerätelisten entstehen in einem Geflecht. Lichtdesign, Produktionsleitung und technische Dienstleister bringen ihre Anforderungen ein. Lagerbestände, Budgets, Verträge und Lieferketten prägen die Auswahl. Herstellerinteressen und der Wunsch nach einer spektakulären Referenz könnten eine Rolle spielen, ebenso das ungeschriebene Gesetz, dass ein Gastgeber seinen Vorgänger nicht unterbieten möchte. Was davon beim ESC den Ausschlag gab, wissen wir nicht. Wir behaupten keine Abhängigkeiten. Wir fragen, wo im System über das Maß entschieden wird und ob die Gestaltenden dabei so frei sind, wie wir annehmen.
Vielleicht ist das sogar eine gute Nachricht für sie. Wenn Designerinnen und Designer über die Dimension der Anlage nicht allein entscheiden, liegt die Verantwortung dort, wo man sie diskutieren kann: im System.
Ein Baustein dieses Systems ist die Vorprogrammierung. Lichtabläufe entstehen heute auf allen Ebenen der Branche zuerst in einer virtuellen Bühne, lange bevor die reale Anlage steht. Auch die Wiener Show wurde in einem Studio vorprogrammiert. Das Werkzeug ist wertvoll. Aber im Modell wiegt kein Scheinwerfer etwas, er braucht keine Traverse und keinen Lastwagen. Das hundertste Gerät kostet dort einen Mausklick. Das heißt nicht, dass Planende die Folgen ignorieren. Es heißt, dass die Sichtbarkeit dieser Folgen im Entwurf eine eigene Aufgabe ist. Warum sollte eine Planungssoftware neben dem Bild nicht auch Gewicht, Anschlusswert und Transportvolumen zeigen?
Und dann die Ausbildung. In vielen Künsten gilt das Weglassen als Meisterschaft: die Pause in der Musik, die Leerstelle im Text, der leere Raum im Theater. Wo wird im Lichtdesign gelehrt, mit Dunkelheit, Kontrast und einer einzigen präzise gesetzten Lichtquelle ein Bild zu tragen? Wir kennen bislang keine Ausbildung, die Suffizienz ausdrücklich als gestalterische Kompetenz vermittelt, und freuen uns über Hinweise. Bis dahin lernt der Nachwuchs an den großen Referenzen, und die größten Referenzen sind die mit den meisten Geräten.
Wenn jede Blickrichtung zur Bühne wird
Der ESC hat sich über Jahrzehnte vom Liederwettbewerb zu einer vielschichtigen Fernsehinszenierung entwickelt. Seine Bilder sind Teil seines Zaubers. Bewegung, leuchtende Flächen und wechselnde Perspektiven erlauben jedem Beitrag eine eigene Welt. Wir lieben das. Wir bewerten weder die Musik noch die Leistungen der Künstlerinnen und Künstler, und wir wollen niemandem etwas von dieser Vielfalt wegnehmen.
Neue Bildmöglichkeiten verändern aber die Aufgabe. In Wien bezog die Kamera Bühne und Publikum aus zahlreichen Rundumperspektiven ein. Traversenringe über dem Zuschauerraum und Licht rund um den Green Room machten die ganze Halle zum Bild. Wohin die Kamera blickt, entsteht ein neuer Hintergrund, und der will gestaltet sein.
So entsteht eine Rückkopplung: Technik öffnet neue Bildräume, deren Ausstattung weitere Technik verlangt. Was eine Ausgabe als Erweiterung einführt, gilt der nächsten als Ausgangsniveau. Das technisch Machbare rutscht unbemerkt ins Notwendige. Dafür braucht es keinen Beschluss und keinen Verursacher. Es genügt, dass niemand fragt.
Genau hier wird die Ressourcenfrage zur Kulturfrage. Welche Vorstellung vom großen Ereignis pflegen wir? Muss jede Ausgabe mehr Raum erfassen und dichter füllen als die vorige? Welche Freiheit haben Gestaltende, einen Moment leer zu lassen? Ein einzelnes Gesicht in einem dunklen Raum kann einen ganzen Abend tragen. Ob es das tut, entscheidet die Inszenierung, nicht die Zahl der Geräte.
Nicht die Vielfalt steht zur Disposition, sondern der technische Aufwand, den wir inzwischen für notwendig halten, um sie hervorzubringen.
Ein Vorschlag für Burgas
Der ESC 2027 findet in Burgas statt. Unsere Hoffnung richtet sich an Bulgarian National Television und alle Beteiligten, und sie ist keine Forderung: Bitte stufen Sie die Lichtanlage nicht schon deshalb als „grün“ ein, weil moderne LED- oder Lasertechnik verwendet wird.
Effizienz fragt, wie viel Licht man aus einem Watt holt. Suffizienz fragt, wie viele Watt eine Aufgabe überhaupt braucht. Das österreichische Umweltzeichen für Green Producing, mit dem auch der Wiener ESC ausgezeichnet wurde, beantwortet beim Licht in der uns vorliegenden Fassung vor allem die erste Frage: Mindestens 80 Prozent der Leuchtmittel müssen energiesparend sein. Eine Obergrenze für die installierte Leistung oder den Gesamtverbrauch kennt dieses Kriterium nicht. Eine sehr große Anlage kann es deshalb ebenso erfüllen wie eine kleine. Wir kritisieren diese Lücke, nicht die Menschen, die nach den geltenden Regeln gearbeitet und zertifiziert haben. Eine vollständige Umweltbilanz des Wiener ESC können wir nicht vorlegen. Gerade deshalb wünschen wir uns, dass künftig installierte Leistung, gemessene Energie, Material und Transport sichtbar werden.
Als Diskussionsanstoß schlägt das ZNL eine Begrenzung mit Spielraum vor: bis zu 2.500 Lichtgeräte, also rund 300 mehr als in Wien, aber mit durchschnittlich höchstens 10.000 Lumen. Zusammen wären das 25 Millionen Lumen, etwas weniger als in Liverpool und gut ein Drittel des Wiener Werts. Einzelne starke Geräte blieben möglich, solange die Summe stimmt. Mehr Positionen für die Gestaltung, weniger Kapazität insgesamt.
Fertig ist dieser Vorschlag nicht. Was zählt als ein Gerät, ein Pixelstab, ein LED-Band? Herstellerangaben sind nicht immer vergleichbar. Und mehr kleine Geräte können mehr Kabel, mehr Montage und mehr elektrische Grundlast bedeuten. Eine Lumengrenze allein könnte deshalb am Ziel vorbeiführen. Wir schlagen vor, sie mit einer Grenze für den elektrischen Anschlusswert zu verbinden, das Gewicht mitzudenken und den tatsächlichen Energieverbrauch zu messen. Welche Werte angemessen und gestalterisch tragfähig sind, sollten Gestaltende, Produktion und Umweltfachleute gemeinsam herausfinden. Der Vorschlag soll diese Arbeit eröffnen, nicht ersetzen.
Die Freiheit, etwas nicht zu tun
Die kleine Hamburger Preisverleihung führt so zu einer großen Frage nach der Freiheit der Gestaltung. Zu dieser Freiheit gehört auch die Entscheidung, eine technische Möglichkeit ungenutzt zu lassen. Das wäre kein Verzicht, wenn daraus Bilder entstehen, die ebenso stark sind und weniger Ressourcen beanspruchen. Es wäre Können.
Das ZentrumNeueLichtkultur stellt seine Erkenntnisse gemeinnützig zur Verfügung, unabhängig, ohne kommerzielles Interesse und ohne ein daran geknüpftes Beratungsangebot. Wir wollen Zahlen zugänglich machen, die sonst nirgends stehen, und eine Debatte ermöglichen, die der künstlerischen Leistung ebenso gerecht wird wie ihren materiellen Voraussetzungen. Mareike Eids bemerkenswerter Tipp hat dafür einen schönen Anlass geliefert.
Unser Leitgedanke bleibt:
Wir wollen nicht weniger Eurovision. Wir wollen Eurovision mit weniger Ressourcen.
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