WINCENT WEiSS · Arena Tour · 2025

Wie viele Künstler setzt auch Wincent Weiss auf visuelle Inszenierung, um seine Musik auf der Bühne zu verstärken. Aber während die vorherige Tournee eine organische Ästhetik verfolgte – mit einem Bühnenbild, das Natur und Wärme vermittelte – nimmt die aktuelle Produktion eine völlig andere Richtung. Anstatt einer Inszenierung, die sich aus der Musik heraus entwickelt, folgt das Design nun einem gängigen Bühnentrend: die Monumentalität um der Monumentalität willen. Dieses Bühnenbild ist nicht nur eine ästhetische Veränderung, sondern ein Fehlgriff. Es folgt den Standardisierungen zeitgenössischer Konzertinszenierung – ein geometrisches Konstrukt, das groß wirkt, aber nichts erzählt. Ähnliche Designs sind bereits in zahlreichen anderen Produktionen zu sehen, einschließlich in Shows wie Oscar and the Wolf. Aber während solche Konzepte für bestimmte elektronische Acts funktionieren mögen, erweisen sie sich hier als stilistischer Irrtum für den Künstler.

Hier hat man dem Künstler keinen Gefallen getan. Aber das eigentliche Problem liegt noch tiefer: es handelt sich um ein strukturelles Versagen der Verantwortlichen. Diese Gestaltung ist keine künstlerische Interpretation der Musik – sie ist eine uninspirierte Imitation eines aktuellen Trends. Anstatt die emotionale Tiefe von Text und Musik in eine visuelle Sprache zu übersetzen, hat man ein vorgefertigtes Konzept aufgesetzt, das keine Verbindung dazu hat. Hier fehlt das Know-how, hier imitiert man, man gestaltet nicht.

Natürlich kann dieses Design aus kommerzieller Sicht gerechtfertigt werden, da im industriellen Maßstab gearbeitet wird. Wiederholung und Standardisierung machen die Produktionen effizienter, besser planbar und kostengünstiger. Aber genau hier liegt der Widerspruch: eine industrielle Routine könnte zumindest eine Rechtfertigung haben, wenn sie zu einem Gewinn an Nachhaltigkeit führen würde – wenn sie Material reduzieren, Transporte minimieren und so zum Klimaschutz beitragen würde. Aber genau das ist nicht geschehen. Anstatt ressourcenschonend zu arbeiten, hat diese Tournee sogar 20 Prozent mehr Material auf die Straße gebracht als die vorherige.

Das bedeutet: man hat nicht nur an künstlerischer Qualität verloren, sondern auch aus ökologischer Sicht versagt.

Wie bei einigen Künstlern in der Popbranche engagiert sich auch dieser für den Klimaschutz, indem er Bäume pflanzt – eine lobenswerte Initiative. Die Klimakompensation ist kein symbolischer Akt, sondern ein Rechenmodell. Es reicht nicht aus, einfach Bäume zu pflanzen, wenn gleichzeitig der Ressourcenverbrauch weiter steigt. Nachhaltigkeit erfordert nicht nur Ausgleichsmaßnahmen, sondern vor allem eine Reduzierung des Verbrauchs. Aber genau das geschieht hier nicht. Anstatt einer intelligenten Planung wird die Umweltbelastung einfach durch industrielle Routine erhöht.

Und dieser Widerspruch zeigt sich besonders deutlich im Beleuchtungssystem. Anstatt gezielt Emotionen mit Licht zu erzeugen, hat man einfach die Masse eingesetzt – mehr Lampen, mehr Energieverbrauch, mehr Technologie, die nicht durch das Konzept beeindruckt, sondern durch die Menge. Aber eine gute Lichtgestaltung funktioniert nicht durch den reinen Aufwand von Mitteln, sondern durch präzise gesetzte Akzente, durch eine durchdachte Szenografie. Ein intelligentes Lichtdesign könnte mehr Wirkung mit weniger Mitteln erzielen – wenn es dramaturgisch und visuell sinnvoll eingesetzt würde. Aber genau das ist hier nicht geschehen. Die Bühne ist zu einer reinen Leistungsschau von Bühnenstrahlern geworden.

Das wirft eine entscheidende Frage auf: warum verwendet man immer die neueste Ausrüstung? Hier offenbart sich eine beunruhigende Verbindung zwischen Designkollektiven und den Lieferanten. Die Lichtdesigner unterscheiden sich heute weniger durch ihre künstlerische Handschrift als durch die Wahl der neuesten Technologie. Aber das ist ein Trugschluss – denn das Publikum nimmt die technische Raffinesse kaum wahr. Der Zuschauer sieht keine wesentlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Scheinwerfern, keine Innovationen in der installierten Technologie. Er sieht nur das Licht selbst – und wenn dieses keine klare Sprache spricht, bleibt es austauschbar und unbedeutend.

Hier verwechselt man technischen Fortschritt und künstlerischen Fortschritt. Wer glaubt, sich nur über die neueste Ausrüstung definieren zu können, anstatt mit Konzepten zu arbeiten, macht sich abhängig von Lieferanten. Anstatt einen bewussten und klimafreundlicheren Umgang mit etablierter Ausrüstung zu pflegen, installiert man immer das Neueste – nicht aus Notwendigkeit, sondern um als modern und angesagt zu gelten. Aber das ist keine künstlerische Anforderung, das ist ein Marketing-Trick, der sich selbst genügt.

Die großen Bühnenbilder und die gigantischen Lichtinstallationen sind nicht Kunst an sich – die großen Ideen sind es. Ein wirklich intelligentes Designteam sollte in der Lage sein, mit weniger Material, mit reduzierten Mitteln, eine maximale emotionale und visuelle Wirkung zu erzeugen. Es ist nicht die Größe der Konstruktion, die entscheidend ist, sondern die Stärke des Konzepts. Aber diese Inszenierung hat weder inhaltlich noch ökologisch eine starke Idee verfolgt. Sie ist der Beweis, dass eine blinde Befolgung des industriellen Standards nicht nur den Künstlern schadet, sondern auch der Umwelt. Ein wirklich zukunftsorientierter Bühnenbildner – oder ein Kollektiv von Konzeptionisten mit einer echten Vision – würde nicht nur ästhetisch mutig denken, sondern auch verantwortungsbewusst handeln: eine Bühne gestalten, die künstlerisch überzeugt und gleichzeitig ressourcenschonend konzipiert ist.

Am Ende bleibt ein Ergebnis, das genau dort landet, wo es laut Gauß’scher Verteilung die meisten erwartet haben: im sicheren, risikoarmen Mittelmaß. Nicht herausragend, nicht katastrophal – sondern einfach nur „gut genug“.

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